Heilpraktiker-Akademie

       
 
Samstag, 4. Februar 2012 
 
 
 

Vorschau
:
Tagung für Naturheilkunde im Frühjahr 2012
20. - 21. April in München
Programm folgt in Kürze

Chirotage Lenggries
Fachtagung für manuelle Therapien
Thema: Das Becken – Fundament und Zentrum des Menschen
06. – 08.  Juli 2012
Programm folgt in Kürze

81. Tagung für Naturheilkunde in München
16. - 18. November 2012
 
 
     
 
Rückblick Tagung für Naturheilkunde 11. - 13. November 2011 München
 
     
 

Tagungsthema

Individuelle Geriatrie -
der alte Mensch in
naturheilkundlicher Behandlung

Senioren
 

Die moderne Medizin kennt keinen individualisierten Denkansatz
Eröffnungsreferat der 80. Tagung für Naturheilkunde von Ursula Hilpert-Mühlig

Die Münchner „Tagungen für Naturheilkunde“ sind seit über 40 Jahren Anziehungspunkt für Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker aus ganz Deutschland. Ebensolche Tradition wie die Tagung selbst ist die Eröffnungsveranstaltung, zu der die Gesundheitspolitiker aller Parteien sowie Vertreter der Staatsregierung und der Stadt München zu Gast sind. Im Mittelpunkt steht ein berufs- und gesundheitspolitisches Referat, mit dem der Heilpraktikerstand die Anliegen seines Berufes sowie wichtige Themen des Gesundheitswesens anspricht. Lesen Sie hier die Rede von Ursula Hilpert-Mühlig, 1. Vizepräsidentin des FDH-Bundesverbandes und stellv. Vorsitzende des Heilpraktikerverbandes Bayern und im Anschluss den Bericht über die Repliken der Gesundheitspolitiker von Christian Ullmann.

(Foto: Tagungseröffnung: Ingo Kuhlmann (Vorstand des HVB)
Ursula Hilpert-Mühlig (1. Vizepräsidentin des FDH)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

„Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern“ – ein Buch, mehr als 200 Jahre alt und
doch von ungebrochener Aktualität. Der Autor ist kein geringerer als Christoph Wilhelm Hufeland, einer der bedeutendsten Ärzte seiner Zeit; erster Direktor der Charité in Berlin, königlicher Leibarzt und Leibarzt der Dichterfürsten Goethe, Schiller, Herder und Wieland. In über 400 Schriften hat er uns medizinische und sozialethische Werke hinterlassen, die in ihrer Weitsicht auch heute noch ihre Gültigkeit haben.
Er vertrat das Konzept von der Lebenskraft, also von der Fähigkeit der menschlichen Natur zu einem gesunden, harmonischen Zusammenwirken in all ihren Teilen. Daraus resultierend befasste er sich intensiv mit der Heilkraft der Natur, deren praktische Umsetzung er entscheidend mitgeprägt hat.

Diese Kunst zur Verlängerung des menschlichen Lebens nannte Hufeland Macrobiotic
(ein Konzept der konstitutionellen Gesundheitsfürsorge; nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen rigiden Ernährungslehre). Und er grenzte sie deutlich von der klassischen Medizin ab. Ich möchte Hufeland deshalb hier direkt zitieren:
Man dürfe – so schrieb er – „diese Kunst nicht mit der gewöhnlichen Medizin oder medizinischen Diätetik verwechseln, sie hat andre Zwecke, andre Mittel, andre Grenzen.
Der Zweck der Medizin ist Gesundheit, der Macrobiotic hingegen langes Leben.
Die Mittel der Medizin sind nur auf den gegenwärtigen Zustand und dessen Veränderung berechnet, die der Macrobiotic aber aufs Ganze.
Dort ist es genug, wenn man im Stande ist, die verlorne Gesundheit wieder herzustellen, aber man fragt dabei nicht, ob durch die Art, wie man die Gesundheit wieder herstellt, das Leben im Ganzen verlängert oder verkürzt wird, welches letztere bei manchen Methoden der Medizin der Fall ist.
Die Medizin muss jede Krankheit als ein Übel ansehen, das nicht bald genug weggeschafft werden kann; die Macrobiotic zeigt, dass manche Krankheiten Verlängerungsmittel des Lebens werden können.
Die Medizin sucht, durch stärkende und andere Mittel, jeden Menschen auf den höchsten Grad seiner physischen Vollkommenheit und Stärke zu erheben; die Macrobiotic aber zeigt, dass es auch hier ein Maximum gibt, und dass ein zu weit getriebener Grad von Stärkung das Mittel werden kann, das Leben zu beschleunigen und folglich zu verkürzen."

Betrachten Sie dieses Zitat bitte nicht als polemischen Seitenhieb gegen die Schulmedizin unserer Tage. Aber Hufeland war nicht nur Leibarzt der hervorragendsten Klassiker der deutschen Literatur, er muss selbst auch als ein ähnlich bedeutender Klassiker der Medizin gewertet werden.
Und wie die Werke von Goethe und Schiller ihre zeitlose Bedeutung in immer neuen Interpretationen bewahrt haben, so bedürfen auch die Werke Hufelands ihrer angemessenen aktuellen Auslegung – zu der wir Heilpraktiker uns in durchaus selbstreflektorischer Absicht bekennen möchten.

Jedenfalls sagen uns die besten Erfahrungen der Heilkundigen früherer Zeiten oft mehr als die heute zum Inbegriff der medizinischen Wissenschaft erklärten Doppelblindstudien.
Sie sollen uns glauben machen, dass die beste und objektivste Form der wissenschaftlichen Erkenntnis zu erreichen sei, indem die an der Forschung beteiligten Ärzte selbst nicht wissen sollen, was sie da eigentlich machen.

Das gilt nicht zuletzt für unser Tagungsmotto Individuelle Geriatrie - der alte Mensch in naturheilkundlicher Behandlung.
Es gehört zu den Grundeinsichten des Alltags, dass die Leistungsfähigkeit des Menschen mit zunehmendem Alter insgesamt und die seiner jeweiligen Organsysteme in Sonderheit nachlassen; dass sie biologischen Wandlungsprozessen unterliegen.
Aber fragwürdig wird es, wenn man eher naturgegebene Erscheinungen wie Hormonabbau, abnehmende Knochendichte, Elastizitätsverlust von Herz und Gefäßen, veränderte Schlafmuster und andere Beschwerden bis hin zur nachlassenden Seh- und Hörfähigkeit zu den Krankheiten zählt; also dass man mit diesen physiologisch erklärbaren Alterserscheinungen nicht mehr „gesund“ sei.

Dem liegt offenbar eine unbewusste sprachliche Konvention zu Grunde, die Dr. Herbert Fritsche – verehrter Lehrer an unserer Heilpraktiker-Fachschule (der in diesem Jahr 100 Jahre geworden wäre), in seinem Buch über „Die unbekannten Gesundheiten“ aufzeigt:
"Das Wort Gesundheit pflegt in der Einzahl gebraucht zu werden.
Laien und Berufs-Therapeuten sprechen nicht in der Plural-Form von Gesundheiten, sondern verhalten sich so, als gebe es die Gesundheit: eine gültige Norm, die man 'hat' oder zu der man, wenn man erkrankt, mit therapeutischer Hilfe hinzusteuern sei.
Erkrankt man nun, so leidet man – darin ist man sich in sprachlicher Hinsicht (mithin auch im Denkstil) weithin einig – an einer Krankheit unter vielen.
Den Singular 'die Gesundheit' betrachtet man als bedroht durch einen Plural von Krankheiten.
Der Systematisierung dieses Plurals dient die Diagnostik, die den Therapeuten befähigen soll, die eine Krankheit unter vielen, an der sein jeweiliger Patient leidet, möglichst so präzis zu bestimmen, wie ein Biologe eine Pflanzen- oder Tierart zu bestimmen pflegt."

Wie weitsichtig Fritsche gedacht hat, beweist ein Trend in der gegenwärtigen medizinischen Forschung, im Erbgut der Menschen jene Gene zu identifizieren, die vorzugsweise den am weitesten verbreiteten Krankheiten zugeordnet werden können, etwa Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Adipositas, und eben auch Gensequenzen gesucht werden, die Altersgebrechlichkeiten bedingen.

Als Heilpraktiker lassen wir uns von solchen Forschungen vielleicht nicht so sehr faszinieren wie andere, aber wir anerkennen vorbehaltlos die wissenschaftlichen Leistungen solcher Projekte; wenngleich diese vornehmlich auf Hochleistungsmaschinen übertragen werden und die individuelle medizinische, am jeweils einzelnen Menschen ausgerichtete Umsetzbarkeit in den Hintergrund drängen.

Zu den drohenden "Alterskrankheiten", die in solchen Zusammenhängen und immer dann genannt werden, wenn es gilt, Forschungsgelder zu generieren, zählen regelmäßig Alzheimer, Parkinson und Demenz. So war es auch, als kürzlich der Europäische Gerichtshof entschied, dass embryonale Stammzellen nicht patentiert werden dürfen. Der in diesem Verfahren unterlegene Neurobiologe – dessen bisheriges Patent damit für nichtig erklärt wurde – beklagte die Entscheidung, weil durch das Patentierungsverbot die Entwicklung neuer Arzneimittel "gegen Alzheimer und Parkinson" verhindert werde.
Dies offenbart einen eklatant arzneimittel-zentrierten Denkansatz, den wir uns als Heilpraktiker keineswegs zu Eigen machen können. Und es unterstellt implizit, dass die Entwicklung neuer Arzneimittel nur dann noch stattfinden könne, wenn die Produkte auch patentrechtlich monopolisiert werden können.

Nicht unerwähnt will ich lassen, dass es längst auch ein Konzept gibt, das das Altern generell als Krankheit propagiert. Dies wird vor allem von dem amerikanischen Harvard-Professor David Sinclair vertreten – der zugleich auch Mitbegründer eines US-Pharmaunternehmens ist.
Altern sei – so sagt er – „eine der tödlichsten Krankheiten auf diesem Planeten" und das „sollte uns anspornen, etwas zu tun". „Wir" – und damit meint er wohl Menschen seines Alters – „sind wahrscheinlich die letzte Generation mit einer normalen Lebenserwartung von 80 bis 85 Jahren.
Allerdings – so fügte er dieser gewagten Vision an – „glaube ich nicht, dass wir unsterblich sein werden." Der Prozess des Alterns habe viele Ursachen, aber man müsste keinesfalls bis ins letzte Detail wissen, wie diese Mechanismen "funktionieren". Indes „kennen wir nun einige Gene, die Alterungsprozesse regulieren und können sie ins Visier nehmen“.
Er selbst entwickle ein Arzneimittel, das Enzyme "aktiver" mache und als "Wächter der Zellen" seine Wirksamkeit entfalte; dies sei schon in etlichen Mausmodellen mit gängigen Krankheiten erprobt und er wolle damit auch die Krankheit „Altern“ behandeln.

Meine verehrten Damen und Herren,
zu altern ist eine biologisch bedingte Dimension des menschlichen Lebens, und diese wird hier explizit einer Wertung unterzogen. Da sei die Frage erlaubt, welches Altersbild, ja welches Menschenbild einer solchen Forschung zugrunde liegt?
Ist der Mensch im Alter nicht mehr gut genug? Wie muss er sein, um zufriedenzustellen und wer hat das Recht zur Beurteilung?
Die Idee der biologischen Optimierbarkeit des Menschen ist nicht mehr nur die Fiktion eines einzelnen, vom Rausch des technisch Machbaren befallenen Forschers. Längst haben die Möglichkeiten der aktuellen Genforschung und vor allem auch der modernen Pharmakologie Begehrlichkeiten geweckt, selbst gestaltend auf das Leben und seine Funktionen einzuwirken.
Und dass solche Bestrebungen nicht neu sind, zeigt ein Blick in das eingangs aufgeführte Zitat, in dem Hufeland bereits zu seiner Zeit die Fixierung der Medizin auf das Machbare anprangert .… und sie dabei nicht hinterfrage, ob durch die Art, wie sie eingreift, das Leben nicht in seiner Gänze verändert wird …..

Der Respekt vor der Einzigartigkeit eines jeden Menschen und den naturgegebenen Lebensabläufen prägen unser Berufsverständnis und sind Grundlagen unseres heilkundlichen Handelns. Somit lehnen wir jede Manipulierung menschlichen Erbgutes entschieden ab, und stehen auch Eingriffen an pflanzlichem und tierischem Erbmaterial außerordentlich kritisch gegenüber.

Indes würden wir es begrüßen, wenn Forschungsschwerpunkte auch im Bereich der sogenannten Alterskrankheiten auf deren Prävention konzentriert würden.

In diesem Zusammenhang möchte ich auf Forschungen von Emil Kraepelin, ehemaliger Professor für Psychiatrie an der Universität München, hinweisen, der Anfang der 1920 Jahre die Vermutung äußerte, dass frühzeitige Demenz auf einer „Vergiftung des Gehirns beruhen könnte, verursacht von Toxinen, die in anderen Teilen des Körpers produziert worden sein könnten, namentlich den Sexualdrüsen, dem Darm oder dem Mund“.
Und im Jahre 2005 machten Forscher der University of Birmingham darauf aufmerksam, dass die Parkinson’sche Krankheit die erste bekannte neurologische Krankheit sein könnte, die auf Autointoxikation (also Selbstvergiftung) beruht. Die Autoren meinten, dass man u.a. mit einer veränderten Diät einen neuen Weg beschreiten könnte, um eine Prävention dieser Erkrankung zu versuchen.
Ich möchte keineswegs versäumen, darauf hinzuweisen, dass dies mit unseren naturheilkundlichen Konzepten der Entgiftung, der Darmreinigung und -sanierung sowie einer an die jeweilige Stoffwechsellage angepassten Diätetik korrespondiert, mit der die Pharmaindustrie allerdings keine Geschäfte machen kann.

Auch wenn wir die Genforschung zu bestimmten Krankheiten als beachtliche wissenschaftliche Leistungen respektieren, müssen wir uns die Frage stellen, was solche Erkenntnis für die Praxis der Behandlung und – wahrscheinlich mehr noch – für die Prävention bedeutet.
Und da sehe ich vor allem eine Bestätigung des von uns Heilpraktikern viel beachteten Konzepts der erblichen Veranlagungen – also der Konstitutionen, Dispositionen und Diathesen –, das von überzeugten Schulmedizinern bestenfalls mitleidig belächelt wird.
Diese, schon von den griechischen Medizinklassikern gebrauchten Begriffe stehen für eine individuelle Krankheitsbereitschaft, aber nicht schon für eine Krankheit selbst. Sie werden also den Gesundheiten zugeordnet, wie auch Fritsche das in seinem schon erwähnten Buch tut:
„Wobei“ – so schrieb er – „die jeweils individuelle Gesundheitsdiagnose in der Regel wichtiger sei als die Diagnose der Krankheit, weil es Ziel aller Behandlungen sein müsse, diese jeweils individuelle Gesundheit des Patienten wieder herzustellen.“

Daraus ersehen wir, dass die Kunst das Leben zu verlängern (im Hufelandschen Sinne) eine Aufgabe der Heilkundigen ist, die nicht erst mit dem Eintritt ins Rentenalter einsetzen darf, sondern bereits im frühen Lebensalter nach weitgehend bekannten Regeln zur Gesunderhaltung.
Die genetische Prägung kann dabei nur einer der - inneren - Faktoren sein, zu denen auch äußere hinzukommen müssen, um bestimmte Krankheiten zu induzieren.
Die Beachtung solcher Gesundheitsregeln ist dabei kein stringentes Erfolgsrezept, aber sie erhöht die Wahrscheinlichkeit in guter Gesundheit ein hohes Alter zu erreichen. Vor allem, wenn man dabei die individuellen Prädispositionen berücksichtigt und nicht a priori die eine, medizinisch normierte Gesundheit angestrebt wird.

Viele jener Krankheiten, die vornehmlich im Alter auftreten, haben eine oft jahrelange Vorlaufzeit und werden somit aus früheren Lebensabschnitten ins Rentenalter mitgeschleppt. Verbunden mit alterstypischen Abbauprozessen führen sie nicht selten zu Multimorbidität. Das Leben ist dann mit vielerlei Beschwernissen verbunden, deren Bewältigung – tatsächlich oder vermeintlich – nur mit medizinischen Interventionen möglich scheint. Und hier führen die ausschließlich symptomenbezogenen, schulmedizinischen Behandlungskonzepte in eine unheilvolle Entwicklung: sie bewirken mit rapide fortschreitender Tendenz eine nahezu grenzenlose Polypharmazie.
Nicht selten erreicht solche ärztlich verordnete Vielmedikation die Zahl von mehr als ein Dutzend verschiedener Medikamente, deren Verordnungen von den Patienten kaum noch überblickt – und damit eingehalten – werden können, geschweige denn die vielfältigen Neben- und Wechselwirkungen abzuschätzen sind.
Diese Polymedikation hat inzwischen selbst Krankheitswert erreicht, mit einer Vielgestaltigkeit an Beschwerden, nicht selten mit bedrohlichen Auswirkungen; die Klinikeinweisungen solcher ambulant nicht mehr beherrschbarer Schädigungen nehmen in erschreckender Weise zu.
Und auch darüber ist schon bei Hufeland zu lesen, dass ….ein zu weit getriebener Grad an Medizin – auch in bester Absicht – durchaus dazu geeignet ist, das Leben zu verkürzen…

Solche medikamentenbelastete Patienten in ihrer alleingelassenen Ratlosigkeit suchen zunehmend auch Hilfe in unseren Heilpraktiker-Naturheilpraxen. Und ich kann nicht verschweigen, dass uns gerade solche Patienten, deren Beschwerden weder in einem schulmedizinischen noch in einem "alternativen" Lehrbuch verzeichnet sind, vor schwierige Probleme stellen; auch mit einem hohen persönlichen Haftungsrisiko, sollten wir die ärztlich verordneten synthetischen Arzneimittel einfach nur absetzen wollen. Hier müssen dringend Modelle einer gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und Naturheilkunde entwickelt werden. Und hier ist insbesondere auch die Politik gefordert, eine für beide „Seiten“ umsetzbare und tragfähige Kooperation zu unterstützen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
in der gebotenen Kürze eines Übersichtsreferates konnte ich nur einen begrenzten, vorwiegend medizinischen Umgang mit dem Thema Alter und Altern ansprechen.

Geriatrie muss aber weit über eine rein medizinische, vor allem medikamentöse Versorgung hinausgehen, will sie dem Lebensabschnitt „Alter“ human - im wahrsten Sinne des Wortes –menschlich begegnen. Sie muss auch an der Gestaltung angemessener sozialer Bedingungen mitwirken, und sie muss eine ganzheitliche Pflege derjenigen Alten mit einem hohen Grad an Gebrechlichkeit gewährleisten. Und ganzheitlich meint eine psycho-somatische Pflege, und nicht eine, die sich nur in „satt und sauber“ erschöpft.

Auch diese Einsicht hatte Hufeland schon vor mehr als 200 Jahren gewonnen, als er schrieb, er habe bei seiner Arbeit zur Macrobiotic "mehr als je empfunden, dass sich der Mensch und sein höherer moralischer Zweck auch physisch schlechterdings nicht trennen lassen" und dass der "Wert der moralischen Gesetze . . . auch zur physischen Erhaltung und Verlängerung des Lebens" unentbehrlich sei.

Wir Heilpraktiker fühlen uns dieser ethischen Haltung zutiefst verpflichtet.
(es gilt das gesprochene Wort)



Gruppenfoto mit Vertretern aus der Gesundheitspolitik
von links: C. Wilms (FDH), I. Kuhlmann (FDH-Bayern), K. Sonnenholzner (SPD), B. Seidenath (CSU), M. Bause (Grüne), U. Hilpert-Mühlig (FDH), Prof. M. Piazolo (FreieWähler), Dr. G. Hartl (Gesundheitsministerium), J. Lorenz (Gesundheitsreferent), K.P. Rupp (SPD München)


Patienten, die auf Naturheilkunde setzen, sind moderne Patienten
Bericht über die Eröffnung der 80. Tagung für Naturheilkunde in München

Selten hat ein gesundheitspolitisches Referat von Ursula Hilpert-Mühlig so starke Resonanz gefunden wie die Eröffnungsrede auf der 80. Tagung für Naturheilkunde am 12. November 2011 in München. Entsprechend dem Tagungsmotto "Individuelle Geriatrie - der alte Mensch in naturheilkundlicher Behandlung" hatte die stellvertretende Vorsitzende des Heilpraktikerverbandes Bayern und erste Vizepräsidentin des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker-Bundesverbandes in Hufelands erstmals Ende des 18. Jahrhunderts erschienenen Makrobiotik als der "Kunst das menschliche Leben zu verlängern" eingeführt und einen weiten Bogen bis zur Gen- und Stammzellforschung der heutigen Zeit geschlagen, die in fragwürdigen Versuchen des amerikanischen Harvard-Professors David Sinclair kulminieren, Altern als pharmakologisch weitgehend beherrschbaren Krankheit aufzufassen und damit den Pharmakonzernen zur groß angelegten Dauermedikation zu erschließen.

Das veranlasste Kathrin Sonnenholzner, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion zu einem "ganz herzlichen Dank für dieses Eingangsreferat", das sie als Schulmedizinerin "sehr zum Nachdenken gebracht" habe, verbunden mit der Hoffnung, "dass ich in den Weihnachtstagen Zeit finde, mich vertieft mit dem Dr. Hufeland zu beschäftigen", weil neben der Tatsache, dass dessen Gedanken schon vor mehr als 200 Jahren "sehr visionär" waren, diese "gerade für die Probleme der aktuellen Schulmedizin eine nachlesenswerte Lektüre" seien.
Und ebenso vorbehaltlos bedankte sich Joachim Lorenz, der Referent für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München, für "Ihre wunderbare berufspolitische Rede", die er sich "gerne besorgen" wolle, damit er "das eine oder andere Zitat in seinen Reden zum Thema 'alte Menschen' unterbringen" könne.


Kathrin Sonnenholzner, MdL (SPD)

Zuvor schon hatte Dr. Gabriele Hartl, die Patientenbeauftragte der Staatsregierung mit Dienstsitz im Gesundheitsministerium, die Grüße des bayerischen Gesundheitsministers sowie der Staatsregierung überbracht und den "riesengroßen Spannungsbogen" hervorgehoben, den der Heilpraktikerverband mit seinem "hochaktuellen Tagungsthema" abdecke und dessen Bedeutung mit einigen Zahlen aus der jüngsten Bevölkerungsprognose des Bayerischen Landesamtes für Statistik untermauert. Danach steige die Anzahl der Menschen, die älter als 65 Jahre sind, in den nächsten zwanzig Jahren um 35 Prozent und dabei "in dieser Gruppe der Anteil der hochaltrigen Menschen nochmals besonders stark um 43 Prozent". Sie stimme mit Ursula Hilpert-Mühlig zwar überein, dass man "Alter nicht mit Krankheit gleichsetzen" dürfe, aber diese Gruppe der hochbetagten Menschen sei besonders gefährdet, Mehrfacherkrankungen zu erleiden. Und so stelle allein schon die demographische Entwicklung "die Gesundheitspolitik vor eine große Herausforderung" und bekräftigte: "Die Altersmedizin ist eine Zukunftsaufgabe." Um dieser gerecht zu werden habe die Staatsregierung unter dem Motto "Im Alter selbstbestimmt leben" ein Konzept zur Versorgung der älteren Menschen erarbeitet, das auf "vier Säulen" beruhe. Als erste Säule nannte Dr. Hartl die Prävention, "die ja auch in der Naturheilkunde eine ganz große Rolle" spiele. Hier sollen Eigenverantwortung und Gesundheitskompetenz der alten Menschen gefördert, aber auch thematisch genau umrissene Einzelprogramme, zum Beispiel Alter und Sucht als "Forschungs- und Interventionsprojekt", das "bisher noch sehr selten thematisiert, vielleicht auch ein bisschen tabuisiert" werde.



Dr. Gabriele Hartl (Gesundheitsministerium), Ursula Hilpert-Mühlig

Als zweite Säule nannte Dr. Hartl die Patientenberatung, die zu ihren eigenen Kernaufgaben als Patientenbeauftrage zähle. Sie verstehe sich als "Sprachrohr für die Interessen der Patientinnen und Patienten" und nehme "in unserem doch recht unübersichtlichen Gesundheitssystem" für Hilfesuchende eine "Lotsenfunktion" wahr, damit diese überhaupt "den richtigen Ansprechpartner" fänden. Die dritte Säule sei die Altersmedizin. Dabei werde besonderer Wert darauf gelegt, dass bei auftretenden Krankheiten die Menschen "ihre Selbständigkeit nicht verlieren". Damit gewinne die Geriatrie "einen interdisziplinären und einen ganzheitlichen Ansatz", bei dem nicht nur auf körperliche Symptome geachtet, sondern auch "auf die Psyche, auf die funktionellen Einbußen und auf das soziale Umfeld geschaut" werde. Dabei seien "wir" - und das meint den Freistaat - "im stationären Bereich schon sehr weit gekommen . . . mit einem wohnortnahen Netz an geriatrischen Rehabilitationseirichtungen". Vor allem aber "haben wir eine riesengroße Datenbank für geriatrische Rehabilitation", die in ganz Europa bisher ohne Beispiel sei. Diese Datenbank beweise: "Geriatrie ist wirkungsvoll. Patienten, die in einer geriatrischen Rehabilitation waren, die behalten ihre Selbständigkeit. Geriatrie hilft, Pflegebedürftigkeit zu verhindern, hilft Heimeinweisungen zu verhindern, und dieser Erfolg ist auch nachhaltig."
Nachholbedarf in Altersmedizin bestehe allerdings im ambulanten Bereich, deshalb seien Arbeitsgruppen zur Entwicklung geriatrischer Konzepte gebildet worden, etwa "Teams zur mobilen geriatrischen Rehabilitation“. Und letztlich nannte Dr. Hartl als vierte Säule die Palliativmedizin mit dem Ziel, "Lebensqualität bis zuletzt" und ein "Sterben in Würde" zu ermöglichen.
Dr. Hartl anerkannte das Tagungskonzept individueller geriatrischer Therapien, wie sie die Naturheilkunde "immer schon" verfolge, "das ist auch der Zukunftstrend in der Medizin", insbesondere auch in der onkologischen Therapieforschung, die "geht ja auch dahin, maßgeschneiderte Therapien für einzelne Menschen zu machen".

Diese Feststellung rief allerdings heftigen Widerspruch von Kathrin Sonnenholzner hervor, die meinte: "Frau Dr. Hartl hat ja die individuelle Schulmedizin angesprochen, und das ist nun leider etwas ganz anderes. Die individualisierte Schulmedizin ist bisher eine schöne Illusion, nämlich die Illusion, dass man mit gezielter Medikamententherapie einzelne Krankheiten bei einzelnen Menschen besser therapieren kann. Leider – sage ich jetzt, weil es wär' ja schön, wenn's funktionieren würde – ist das bisher nicht der Fall, das funktioniert nicht, kostet aber eine ganze Menge Geld – und zwar zu viel Geld, da wo's eben nicht wirkungsvoll ist, und es verstellt auch den Blick aufs Ganze. Und ich bin zutiefst überzeugt, auch als Schulmedizinerin, dass gerade der geriatrische Patient, aber nicht nur der, nur in der Betrachtung der gesamten – jetzt sagen wir mal – Symptome, aber auch im Kontext seiner Familie, seines sozialen Umfelds, seiner Arbeitswelt beurteilt werden kann." Im Gegensatz dazu würden "wir uns da eher entfernen, in Zeiten von Pauschalen und zu wenig Raum für Gespräche".

Da wiederum hakte Ursula Hilpert-Mühlig in ihrer Gesprächsmoderation zwischen den einzelnen Rednern ein und meinte, dieser "pragmatische Blick" auf die medizinischen Realitäten sollte zur Suche der "Schnittstellen in gemeinsamen Gesprächen" Anlass geben, um zu patientengerechten ganzheitlichen Betrachtungen zu kommen.


Bernhard Seidenath, MdL (CSU)


Der "Patient in seiner Gesamtheit mit "massiven Wechselwirkungen von Körper, Seele und Geist" stand auch im Mittelpunkt des Grußworts von Bernhard Seidenath als Vertreter der CSU-Landtagsfraktion. Er betonte unter anhaltendem Beifall des Auditoriums, dass die Tagungen für Naturheilkunde "wie das Engagement Ihres Verbandes insgesamt aus der gesundheitspolitischen Landschaft nicht wegzudenken" sei; und "auch das belegt die gesundheitspolitische Relevanz der Naturheilkunde eindeutig". In Übereinstimmung mit Dr. Hartl hob Seidenath die Bedeutung der Eigenverantwortung der Patienten hervor, die "in allen Gesundheitsreformen bisher beschworen" worden sei. In diesem Sinne stelle die Naturheilkunde "höhere Anforderungen an den Patienten. Und wer "auf die Naturheilkunde setzt, der führt sein Leben bewusst. Bei ihr ist die so oft beschworene Eigenverantwortung stark ausgeprägt. Und in diesem Sinn ist ein Patient, der auf Naturheilkunde setzt, ein moderner Patient." Und aus der Sicht der Gesundheitspolitik und der medizinischen Versorgung betonte Seidenath: "Nur wenn wir den Menschen als Ganzes sehen, er im wahren, echten Sinne geheilt werden kann. Nur wenn wir den Menschen als Ganzes und die entsprechenden Krankheitsursachen sehen, dann wird auch die Gestaltung eines zukunftssicheren Gesundheitssystems gelingen."

Als "neues Gesicht" auf der Tagung führte Ursula Hilpert-Mühlig den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Michael Piazolo als Vertreter der Fraktion der Freien Wähler in die Diskussion ein; und auch dieser stimmte in das Konzert der Betonung ganzheitlicher Betrachtungen ein und suchte eine Mittelstellung zwischen den gegensätzlichen Positionen von Gabriele Hartl und Kathrin Sonnenholzner. Es werde zwar – so Piazolo – „individuell, aber auch sehr punktuell untersucht und behandelt. Wenn's im Knie weh tut, dann untersucht man das Knie; wenn der Kopf weh tut, den Kopf usw. und das mit möglichst vielen Geräten. Ich glaube, da setzen Sie – sehr erfreulich – eine Gegenposition an. . . . Ich glaube, das wird der Weg auch in der Zukunft sein, dass man nicht nur individuell auf den Menschen schaut, sondern auf die Gesamtheit, auf die Psyche, auf Körper und Geist, denn ich glaube, nur so kann man auch Krankheit und Krankheitsbilder wirklich erforschen, gerade im Alter."


Prof. Michael Piazolo, MdL (Freie Wähler)


Weil auch sie keine Medizinerin sei, setzte Margarete Bause, die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bayerischen Landtag den Schwerpunkt auf die Sicht ihrer Generation um die 50 auf Gesundheit und Wohlbefinden ihrer Eltern, die in ihrem Alter oft von "diversen Zipperlein" geplagt werden. Unter Bezug auf die von Ursula Hilpert-Mühlig beklagte "Polypharmazie", als dem Trend zur Patientenversorgung mit immer mehr Arzneimitteln, meinte die Grünen-Politikerin: "Alle haben die Erfahrung dieser Medikamentenschächtelchen, wo sozusagen in jedem Fach für jeden Tag plötzlich immer mehr Pillen drin sind und wo man nicht mehr weiß, welche Pille die Nebenwirkung der anderen bekämpfen soll und wo man sozusagen das Zusammenwirken der verschiedenen Pillen gar nicht mehr abschätzen kann und wo man als Tochter oder Sohn nicht mehr weiß, wie man sich dazu verhalten soll." Das münde – so Margarete Bause - in eine "Spirale der Einweisungen, beispielsweise nach einem Sturz oder nach einem Schlaganfall erst mal in die Klinik, dann in die Reha, dann möglicherweise in ein Pflegeheim, wo man das Gefühl hat, wenn hier mehr individuelle Betreuung, mehr Nachsorge möglich wäre, könnte man viele stationäre Einweisungen verhindern. Alle kennen das Phänomen der mangelnden Zeit in den Einrichtungen bei den Ärztinnen und Ärzten in der Pflege wirklich, die Pflege im Minutentakt und das Unbehagen daran, die Ohnmacht dabei, wie man eigentlich die entsprechende Fürsorge, die entsprechende Unterstützung, die entsprechende menschliche Nähe überhaupt herstellen kann. Und alle wünschen sich für ihre Eltern und für sich selber ein Altern in Würde." Dies wiederum korrespondierte mit der Forderung von Hilpert-Mühlig nach einer Ausweitung der Pflege über das "satt und sauber" hin zu einer psychosomatischen Pflege, die auch entsprechend honoriert werden müsse.


Ursula Hilpert-Mühlig, Margarete Bause, MdL (Die Grünen)


Als SPD-Stadtrat und gesundheitspolitischer Sprecher griff Klaus-Peter Rupp das Stichwort von der demographischen Entwicklung zu einer immer älter werdenden Gesellschaft auf und meinte: "Das ist keine neue Erkenntnis – tun wir doch nicht so, als wäre das eine ganz neue Erkenntnis. Wir wissen das, wir kennen das. Seit mehr als 20 Jahren, dass es eine Umkehrung der Alterspyramide hin zu einem Alterspilz geben wird. Wir brauchen dafür adäquate Strategien. Allerdings hat zum Beispiel der jüngste Kompromiss um die Pflegereform, die eigentlich keine Reform ist, gezeigt, dass der monetäre Effekt immer noch eine große Rolle spielt, aber immer noch nicht das, was der alte Mensch braucht, letztendlich auch zur Verfügung gestellt werden kann."

In diesem Stadium der Diskussion schien sich eine alte Erfahrung wieder zu bestätigen, dass die Gesundheitspolitiker über alle Parteien hinweg, "fraktionsübergreifend", die Tagungen für Naturheilkunde als Forum für – ohne Zweifel ernstgemeinte – Bekenntnisse zu den sanften Methoden der Erfahrungs- oder Ganzheitsmedizin oder auch Naturheilkunde nutzen und die durchaus respektablen Vorhaben auf diesem Gebiet darstellen.
Aus Sicht der Heilpraktiker erwiesen sich praktisch alle diese Konzepte insoweit als eher enttäuschend, als die Beteiligung von Heilpraktikern dabei nicht vorgesehen war. Da scheinen sich jetzt – aus gewissen Äußerungen zu schließen – behutsame Änderungen anzubahnen. So meinte etwa Klaus-Peter Rupp: " Ich will Ihnen, Frau Hilpert-Mühlig, noch ein Angebot machen auch von Seiten der Stadt. . . . Sie schreiben auch in Ihrem Grußwort, dass Sie gerne in geriatrischen Netzwerken mitarbeiten wollen. Ich mache Ihnen gerne das Angebot: Es gibt hier in München verschiedene geriatrische Netzwerke, die sind etabliert. Und wir beide können versuchen, hier wirklich die Tür zu öffnen, dass auch die Naturheilkunde hier entsprechend vertreten wird." Das verband Rupp mit dem Hinweis, dass ähnliche Initiativen auch auf Landesebene möglich erscheinen.


Klaus Peter Rupp (SPD-Stadtrat München)

Dem entsprechen Aktivitäten des Gesundheitsreferats der Landeshauptstadt, über die Joachim Lorenz berichtete. Danach verfolgt seine Behörde auf Grund eines Stadtratsantrags das Ziel, die Zusammenarbeit zwischen Schulmedizin und "der sogenannten Komplementärmedizin" zu fördern und stärker zu vernetzen. Danach ist im kommenden Jahr zunächst ein "Hearing" vorgesehen, an dem der Heilpraktikerverband beteiligt wird, mit dem Ziel, dass wir hoffentlich hier einen Durchbruch bekommen". Und hier wiederum zeigt sich die Weitsicht der Arbeit des Heilpraktikerverbandes Bayern, der wiederholt in den entsprechenden Gremien und in Editorials darauf hingewiesen hat, dass Alten- und Behindertenpflege auch nach der Interpretation des Bundesverfassungsgerichts Ausübung der Heilkunde im Sinne der Definition des Heilpraktikergesetzes darstellt und dass es durchaus Wege gibt, Heilpraktiker/innen entsprechend den Regelungen des SGB XI in die Leistungen der gesetzlichen Pflege einzubeziehen.


Joachim Lorenz (Gesundheitsreferent), Uwe Sieber (Beirat HVB)

Das wiederum bildet den Hintergrund für eine Beurteilung der Verbandsarbeit des Heilpraktikerverbandes Bayern durch Klaus-Peter Rupp, der dazu meinte: "Abschließend möchte ich Ihnen noch ein ganz großes Kompliment machen, dem Verband und insbesondere dem Vorstand, der ist unglaublich präsent in der gesundheitspolitischen Szene. Ich sage das bewusst als Politiker. Wir begegnen uns häufig, wir tauschen uns aus, und ich glaube, dass dadurch in den letzten Jahren eine bedeutende Verbesserung der Präsenz der Naturheilkunde gelungen ist. Dafür möchte ich Ihnen ganz herzlich gratulieren."


Christian Wilms (FDH)

Den berufspolitischen Teil der Tagungseröffnung beschloss Christian Wilms, der Präsident des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker mit seinem Grußwort. Wilms betonte, dass die Heilpraktiker allein durch die Tatsache, dass die in die Millionen gehende Zahl der Heilpraktiker-Patienten das gesetzlich geregelte Gesundheits-Erstattungssystem jährlich um einen ansehnlichen Milliardenbetrag entlasten, allein durch die Tatsache, dass die Patienten die Behandlungen und Verordnungen aus eigener Tasche bezahlen, obwohl viele eigentlich gesetzlich versichert sind, aber auch durch die präventiv wirkende Gesundheitsberatung. Und in wohltuender Zurückhaltung meinte Wilms: "Wir selber stellen an die Politik ja wenig Forderungen, unsere Forderungen sind eigentlich nur, dass man uns gewähren lässt, dass wir weiter arbeiten können, so wie bisher. Ich sage immer, es gibt keine Not, am Heilpraktikerberuf etwas zu ändern. Denn wir sind ein Berufsstand, der arbeitet seit Jahrzehnten sehr, sehr vorsichtig zum Wohle des gesamten Volkes. Und ich glaube, es gibt wenig Druck, uns etwas Negatives zu unterstellen. Das bedeutet im Endeffekt, wir sind immer bereit, uns weiterzuentwickeln, und wir freuen uns, wenn wir mit allen anderen Gruppen des Gesundheitssystems zusammenarbeiten können."

Christian Ullmann

 
 

Rückschau: 80. Tagung für Naturheilkunde vom 11. – 13. November 2011

Unter dem Motto „Individuelle Geriatrie- der alte Mensch in naturheilkundlicher Behandlung“ fand die renommierte und im süddeutschen Raum größte Fachtagung für Naturheilkunde in München statt.

Auch in diesem Jahr konnten wir bereits am Freitag zahlreiche Kolleginnen und Kollegen zu den Workshops der Fachtagung in den Räumen der Berufsfachschule für Naturheilweisen in München begrüßen.

Am Vormittag begann Herr HP Peter Elster mit dem Workshop „Bedarf und Notwendigkeit orthomolekularer Substanzen im Alter“. Die differenzierte Betrachtung verdeutlichte die Situation vieler älteren Menschen, die aufgrund von Multimorbidität und Vielmedikation oft einen erhöhten Bedarf an orthomolekularen Substanzen aufweisen. Mit dem gezielten Einsatz essentieller Vitalstoffe können deren, im Alter häufig vorhandenen Resorption- und Ausscheidungsstörungen ausgeglichen werden. Im Mittelpunkt der Behandlung stehen neben der Substitution von Vitalstoffen die Behandlung der Entgiftungsleistung und des Säuren-Basen-Haushaltes. Die Teilnehmer konnten eine Vielzahl therapeutischer Konzepte und sinnvoller Laboranalysen für den Praxisalltag mitnehmen.

Zeitgleich führte Frau HP Elma Pressel in die „Massage nach Dr. Pressel – Heilsame Berührung für den alten Menschen“ ein. Angenehm einfühlsam zeigte die Tochter des Begründers dieser vorzüglichen Massageform die Möglichkeiten ihrer Anwendung. Die Teilnehmer konnten erste praktische Erfahrungen einer Wadenmassage sowie einer Arm- und Nackenmassage machen, wobei gegen Ende des Vormittags schon erste Erfahrungsberichte vom eigenen Erleben, wie auch vom „Geben“ gesammelt werden konnten.

Den dritten Workshop am Vormittag hielt Dr. rer. nat. Reinhard Hauss zu dem Thema „Stoffwechselerkrankungen im Alter am Beispiel der Adipositas“. Der Referent besprach zunächst aktuelle Erkenntnisse bezüglich gestörter Stoffwechselprozesse bei Adipositas. Im Mittelpunkt stand die Betrachtung der evlolutionsgeprägten Grundsituation des Fettgewebes, die Fettverbrennung als chronobiologischer Prozess, sowie die Bedeutung der Darmschleimhaut. In gewohnt kompetenter Form und spannender Vortragsweise stellte Dr. Hauss die neusten Erkenntnisse zur Pathophysiologie der Adipositas dar und gab den Teilnehmern zahlreiche Therapiekonzepte und Anregungen für die Praxis mit.

Am Nachmittag fanden parallel zwei Workshops statt.
Herr HP Rainer Kästle nahm sich des Themas „Osteopathie – Besonderheiten in der Behandlung alter Menschen“ an. Theoretisch und praktisch sehr kompetent zeigte er ausgewählte Behandlungstechniken der „Königsdisziplin der manuellen Behandlung“ für ältere Menschen. Die Teilnehmer konnten nach einer kurzen Einführung osteopathische Techniken sogleich üben, so z.B. manuelle Techniken für den Psoas, das Knie oder für die LWS. Besonders viel Zuspruch fanden die Tipps des Referenten, einige Techniken vom Ballast einer überbordenden Theorie zu befreien und dafür den Blick auf deren korrekte Anwendung zu lenken.

Zu einem weiteren Workshop am Nachmittag konnten wir Herrn HP Josef Karl zu dem Thema „Aus naturheilkundlicher Praxis: Ratschläge und Therapiekonzepte für den älteren Mensch“ begrüßen. Hierbei schöpfte Kollege Karl aus der Fülle seiner Erfahrungen und über 50-jährigen Praxistätigkeit. Die Teilnehmer konnten zu den häufig auftretenden Beschwerden im Alter zahlreiche bewährte Rezepturen und viele Tipps für die Praxis mitnehmen.

Die beiden abendlichen Workshops befassten sich mit einem anthroposophischen Thema sowie mit der praktischen Umsetzung von Laborergebnissen.
Herr HP Christian Reichard stellte die „Anwendung der sieben Metalle bei Alterserkrankungen“ vor. Zunächst führte er in leicht verständlicher Art in die komplexe Denkweise der Anthroposophie ein, ohne die das Thema nicht hätte erörtert werden können. Er vermittelte in kurzer Zeit einen guten Überblick über die Metalltherapie. Dazu wurden nicht nur Planetenkräfte und ihre dazugehörigen Mittel besprochen, sondern auch einige Anregungen in Bezug auf „Einreibungen“ mit auf den Weg gegeben. Besonders hilfreich waren die vielen Tipps der Anwendung bei verschiedenen Alterserkrankungen.

„Labormedizinische Untersuchungen in der Geriatrie“ war das Thema von Frau HP Marita Schirrmacher. Dass man nie auslernt, wird besonders bei den ganzheitlich zu interpretierenden Ergebnissen von Laboruntersuchungen deutlich. Die Referentin vermittelte aus ihrem großen Kenntnis- und Erfahrungsschatz vorrangig Laborwerte in Bezug auf typische Altersleiden wie z.B. Bedeutung des „modernen“ Vitamin D3, Schmerzen im Bewegungsapparat, neueste Erkenntnisse im Bereich der Komplementärmedizin bei Chemotherapie und Leaky-Gut-Syndrom.

Pünktlich um 9.00 Uhr eröffnete am Samstag der Vorstand des Heilpraktikerverbandes Bayern, Ingo Kuhlmann und Ursula Hilpert-Mühlig, im vollbesetzten Vortragssaal des Parkhotel Hilton im Beisein zahlreicher Vertreter aus Politik und anderen Gesundheitsberufen die Jubiläumsveranstaltung. Im Mittelpunkt der Eröffnung steht traditionsgemäß ein berufs- und gesundheitspolitisches Referat, mit dem der Heilpraktikerstand die Anliegen seines Berufes sowie wichtige Themen des Gesundheitswesens anspricht – auch in diesem Jahr wieder von Ursula Hilpert-Mühlig vorgetragen.

Den fachlichen Teil des Wochenendes eröffnete Frau HP Christina Casagrande mit dem Referat „Der alte Mensch als Herausforderung und Geschenk für die naturheilkundliche Praxis“. In ihrem Vortrag stellte sie die Notwendigkeit für uns Therapeuten heraus, sich selbst mit dem Prozess des Älterwerdens auseinanderzusetzen. Erst wenn wir uns selbst der Vergänglichkeit, dem Sterbeprozess und Tod, aber auch der Reife dieses dritten Lebensabschnittes zuwenden, sind wir in der Lage den alten Menschen resp. Patienten individuell zu begleiten. Sie gab den Zuhörern mit auf den Weg, dem alten Menschen den Blick zu weiten und den Wert des Alters im Bewusstsein zu stärken.

Zum anschließenden Vortrag konnte Prof. Dr. Horst Robenek mit dem Thema „Der Mensch ist so alt wie seine Gefäße“ begrüßt werden. Der Referent führte sehr anschaulich und kurzweilig in das Thema ein. Einen guten und differenzierten Einblick gewährte er in die medizinischen Hintergründe von Gefäßkrankheiten und Plaquebildungen, den er mit anschaulichem Bildmaterial unterlegte. Einen therapeutischen Ansatz zeigte er auf unter anderem im gezielten Einsatz von Nahrungsergänzungsstoffen, die speziell für den Erhalt von Gewebeelastizität entwickelt wurden.

Nach der Mittagspause stellte Frau Dr. med. vet. Anika Kracke die „Osteoporose und Knochenerkrankungen im Alter – eine Herausforderung für die Naturheilkunde“ dar. Die Referentin verstand es gleichermaßen, das Thema packend und mit viel Humor darzustellen, so dass der Vortragssaal immer wieder von Lachen erfüllt war. Ihr kompetentes Fachwissen in den Bereichen Biologie, Ernährung, Bewegungstherapien und richtige Medikamentenwahl stellte sie in vielen praktischen Tipps anschaulich zur Verfügung. Besonderen Wert legte sie auf Prophylaxemöglichkeiten und wies auf osteoporoseverstärkende Wirkungen verschiedener Medikations- und Diätkombinationen hin.

Nach einer kurzen Pause lud Herr HP Michael Schünemann zu seinem Vortrag „Das biologische Alter – Zeichen aus dem Auge“. Auf der Grundlage der humoralpathologischen Betrachtungsweise beschrieb der Referent den Alterungsprozess als eine Entwicklung ausgehend von einer feucht-warmen Qualität hin zu einem kalten und trockenen Zustand der Säfte und Gewebe. Anhand von Abbildungen zahlreicher Iriden seiner Patienten zeigte er die entsprechenden Zuordnungen für Zeichen des Alterungsprozesses und dessen Verlaufs, so dass der Betrachter auch die individuellen, pathologischen Verläufe erkennen konnte.

Am Abschluss des Tages stand der Vortrag „Aus dem Takt, Rhythmusverlust im Alter“ von Herrn HP Uwe Sieber auf dem Programm. Nach einer wunderbaren Einführung in die Entstehung von Rhythmen und deren Dimensionen vermittelte der Referent eine Vielzahl von Ursachen und Auswirkungen von Rhythmusverlust, der sich oftmals erst im Alter als Krankheit niederschlagen kann. Mit übersichtlich angebotenen Therapievorschlägen, die vor allem die vielfältigen und differenzierten Einsatzmöglichkeiten der Schüßlerschen Biochemie aufzeigten, rundete er seinen Vortrag ab.

Die Pausen zwischen den Vorträgen konnten zum Besuch der umfangreichen Fachausstellung genutzt werden. Die mit über 120 Ständen vertretenen Aussteller der Bio-Pharmazie und Herstellern von Medizinprodukten standen für Informationsgespräche zur Verfügung und waren vom überaus regen Interesse der Tagungsbesucher sehr angetan.

Nach einem informationsreichen Kongresstag durften wir aus Anlass unserer Jubiläumstagung auch noch einen sehr vergnüglichen Abend erleben. Im nahegelegenen Restaurant „Freizeit“ wurde bei gutem Essen und flotter Musik bis in die frühen Morgenstunden gelacht, gefeiert und getanzt. Und besonders der Auftritt der drei Schauspieler von „fastfood theater“, die Anregungen aus dem Publikum spontan in komische Episoden umsetzten, strapazierten das Zwerchfell bis zum Muskelkater.

  

Am Sonntag eröffnete Dr. med. Axel von Manitius mit seinem Vortrag „Erkrankungen der Prostata und erektile Dysfunktionen“ den letzten Tag unserer Fachtagung. Der Referent stellte häufig im Alter auftretende Beschwerdebilder vor, informierte über Ergebnisse neuer Studien zur Problematik der labormedizinischen Prostatadiagnostik und zeigte therapeutischen Verfahrensweisen bei Tumorerkrankungen der Prostata auf. Besonderen Wert legte er auf eine sinnvolle Verknüpfung naturheilkundlicher und schulmedizinischer Behandlungskonzepte.

Im Anschluss fand die Ehrung der Berufsjubilare statt. Auch in diesem Jahr konnten zahlreiche Kolleginnen und Kollegen ihr 25-, 40- und sogar 50-jähriges Berufsjubiläum begehen.

Nach der Pause referierte Herr HP Andreas Noll über „Behandlungsweisen der Traditionellen Chinesischen Medizin bei Alterserkrankungen“. Einführend erläuterte er die Betrachtung des Älterwerdens aus Sicht der Chinesischen Medizin. Den Lebenslauf von der Kindheit bis ins Alter als Wandlungsprozess zu betrachten, ist die Grundlage der TCM. Wesentlich im Alter ist hierbei die energetische Beziehung zwischen Herz und Niere. Anhand einer Vielzahl von spezifischen Akupunkturpunkten zeigte er Möglichkeiten der TCM, gesundheitsfördernd auf diesen Lebensabschnitt einzuwirken.

„Wege der Begleitung sterbender Menschen“ war das Thema des letzten Vortrags unserer diesjährigen Herbsttagung. Herr HP Karl Welzhofer führte in die Möglichkeiten palliativer Maßnahmen ein und gab, immer unter Berücksichtigung der individuellen Befindlichkeit und Bereitschaft des sterbenden Patienten, Angebote naturheilkundlicher Begleitung.

Auf vielfachen Wunsch wiederholte Frau HP Ursula Hilpert-Mühlig ihr Sonderreferat vom Frühjahr zur „Akuttherapie anaphylaktischer Reaktionen“. Anhand eines therapeutischen Algorithmus zeigte sie anschaulich und nachvollziehbar den richtigen Einsatz der dafür zu Verfügung stehenden Notfallmedikamente in der Heilpraktikerpraxis auf.

Zum Abschluss der 80. Tagung für Naturheilkunde bedankte sich die stellvertretende Fachfortbildungsleiterin Karin Scherer bei allen Beteiligten für die gelungene und harmonisch abgelaufene Veranstaltung. Dass sie auch in diesem Jahr wieder ein großer Erfolg war drückte sich im Besuch der annähernd 1100 Teilnehmer und – last but not least – der ausgebuchten Fachausstellung aus.

Dies gibt Ansporn für die nächste Tagung unseres Verbandes, der Frühjahrstagung 2012, die am 20./21. April stattfindet und deren Programm bereits gestaltet wird.

Fachfortbildungsleitung

Wolfgang Hegge
Karin Sabina Scherer

 
Politik meets Heilpraktik
 
 
- Fachfortbildungsleitung

Wolfgang Hegge
Karin Scherer

Fachfortbildungsteam

 

 

 

 

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