Heilpraktikerschule Josef Angerer

 

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Montag, 20. Februar 2017


28./29. April 2017 Tagung für Naturheilkunde Frühjahr 2017


„Gesamtschau des Menschen
funktionelle Organbeziehungen und Regelkreise“

Wir bieten Ihnen eine umfangreiche Palette altbewährter und moderner Behandlungsmethoden der Naturheilkunde und alternativer Verfahren.

Das Fortbildungsangebot ist praxisnah gestaltet, Workshops und Vorträge bieten für Sie als Behandler eine Vielzahl an diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten.

Die Workshops – der seit Jahren beliebte praktische Teil unserer Tagung – finden am Freitag, den 28. April 2017 in den Räumen der Heilpraktikerschule >Josef Angerer<,
Baumkirchner Straße 20 Rückgebäude in München statt.
Für die themenbezogenen therapeutischen Kurse konnten wir zahlreiche namhafte Referenten für uns gewinnen.
Wir erwarten Michel Puylaert, Florian von Damnitz, Andreas Domes, Bernd Hertling, Angelika Wagner-Bertram, Christine Steinbrecht-Bade, Tania Küchler sowie Wolfgang Meier.

Die Fachvorträge finden am Samstag, bis den 29. April 2017 im Hilton München City, Rosenheimer Straße 15 in München statt und werden von einer großen Fachausstellung begleitet.
Für die Fachvorträge erwarten wir Referenten wie J. Viktor Müller, Wolf-Dieter Storl, Arnold Mayer, Dr. med. Markus Treichler, Werner Hemm und Jan W. Moestel

Ein ausführliches Programm folgt in Kürze.

Bitte Termine vormerken

14. – 16. Juli 2017
Chirotage Lenggries

17. – 19. November 2017
86. Tagung für Naturheilkunde



Nachlese
85. Tagung für Naturheilkunde in München
vom 11. – 13. November 2016
 


85. Tagung für Naturheilkunde
Bericht zur Eröffnungsveranstaltung am Samstag 12.11.2016

Heilpraktiker im Spektrum der Naturheilkunde:
Bewahrer, Anwender, Förderer - und vielleicht auch Retter?

Die jährlich im Herbst stattfindende Tagung für Naturheilkunde des Heilpraktikerverbandes Bayern ist eine der wichtigsten berufspolitischen Veranstaltungen für Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker im deutschsprachigen Raum. Auch, wenn das nassgraue Novemberwetter nicht unbedingt zu einem Besuch in der bayerischen Landeshauptstadt einlud – der Besucherandrang war auch beim 85. Jubiläum dieser renommierten Veranstaltung ungebrochen. Und bei wem sich, nach so vielen Jahren, womöglich der Eindruck eines etwas betulichen Eröffnungszeremoniells breit gemacht hat, dem sei hiermit versichert: Dem Organisationsteam ist es gelungen, das traditionell Bewährte mutig mit frischen Darreichungsformen zu verbinden.

Besonders Eröffnungsveranstaltungen sind – so lehrt es die Erfahrung – meist einem gleichbleibend rituellen Ablauf unterworfen. Doch nicht so in diesem Jahr.

Pünktlich um neun Uhr begrüßt Werner Buchberger die Teilnehmer im bis auf den letzten Platz gefüllten Vortragssaal. Von Beruf ist er Journalist und Moderator, kein Heilpraktiker, kein Funktionär. Qualifiziert ist er für seine Tätigkeit auf dieser Tagung dennoch: Er leitete lange Jahre das Ressort Gesundheit beim Bayerischen Rundfunk und ist vielen bekannt aus seiner Sendung  „Das Gesundheitsgespräch“ – eine Medizin-Talk-Sendung auf Bayern 2.
Anknüpfend an das Thema der Tagung „bewahren, anwenden, fördern“ stellt er die Hoffnung in den Raum, Heilpraktiker könnten für das hiesige Gesundheitssystem teilweise auch die Rolle des Retters einnehmen. Sei es im Bereich der sprechenden Medizin, der Prävention, aber auch der Finanzierung. Damit gibt er einen Ausblick auf die Tragweite der heutigen Diskussion.

Werner Buchberger steht zwischen den beiden Vorständen des Heilpraktikerverbandes Bayern, Ursula Hilpert-Mühlig und Ingo Kuhlmann, und verrät: Die Berufshaftpflichtversicherung für Heilpraktiker führt ein ruhiges Dasein. Es gäbe, so Ursula Hilpert-Mühlig, so wenige Schadensfälle, dass der Versicherer in Erwägung ziehe, die Prämie zu senken. Das könne mit Fug und Recht als Qualitätsbeweis für die professionelle Arbeit der Heilpraktiker gewertet werden.

An die kurzweilige Begrüßung schließt sich nun der förmliche Teil. Neben der namentlichen  Begrüßung der zahlreichen Ehrengäste aus dem In- und Ausland verweist Ingo Kuhlmann auf die diesjährigen Jubiläen und Superlativen: Seit nunmehr 70 Jahren bestehe der Bayerische Heilpraktikerverband – er ist somit eine der ältesten und größten Berufsstandvertretungen für Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker. Und auch die verbandseigene Schule für Naturheilweisen feiere in diesem Jahr ihr 80jähriges Bestehen. Das mache sie zur ältesten Heilpraktikerschule weltweit, so Ingo Kuhlmann. Dann übergibt er das Mikrophon an Peter Steiert, Ministerialdirigent im Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege, der die Grußworte der Gesundheitsministerin überbringt.

 

Den Fokus seiner Rede legt Peter Steiert auf das von der bayerischen Staatsregierung initiierte Bündnis für Prävention. Es freue ihn, dass auch der Heilpraktikerverband Bayern zu den Partnern der ersten Stunde gehöre und dieser damit zeige, dass die Heilpraktiker Gesundheitsförderung und Prävention als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrnähmen. Auch an den jährlichen Schwerpunktthemen des Gesundheitsministeriums beteilige sich der Berufsverband regelmäßig. Mit Blick auf die aktuelle Kampagne „Psychische Gesundheit bei Erwachsenen“ würdigt er die Leistung der Naturheilkunde als komplementäres Angebot, als einen wertvollen Beitrag zur ganzheitlichen Betrachtung und Behandlung.

 

 

Die Überleitung zur nächsten Rednerin, Lydia Dietrich, Stadträtin und Vertreterin des Oberbürgermeisters der Landeshauptstadt München, führt Moderator Werner Buchberger: Ungefähr 2.000 niedergelassene Heilpraktiker gäbe es in München. An Lydia Dietrich gerichtet fragt er: „Was macht das Biotop München für Heilpraktiker so wertvoll?“ Selbstkritisch antwortet die Stadträtin, die Mitglied im Gesundheitsausschuss der Landeshauptstadt ist, dass die Naturheilkunde von politischer Seite viel mehr und mit größerer Ernsthaftigkeit gefördert werden müsse. In ihrer sich anschließenden, sehr persönlichen Rede, stellt sie ihre Wertschätzung für den Berufsstand in den Mittelpunkt: „In einer Gesundheitspolitik, die nicht nur auf die Abwesenheit von Krankheit, sondern auf die Unterstützung von gesunden Lebensbedingungen setzt, führt kein Weg an der Naturheilkunde vorbei.“ Die Naturheilkunde müsse zu einem zentralen und wichtigen Faktor im Gesundheitssystem werden. „Wir leben mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, die andere, oft naturheilkundliche Verfahren gewohnt sind“, so die Politikerin. „Ich denke es wäre ratsam, diese in unser System zu integrieren.“ Vielleicht könnte das auch als Denkanstoß für die Heilpraktiker verstanden werden, sich zu öffnen, für Menschen und Kulturen, die jetzt gerade zu uns kommen und neue Ansätze für Therapien mitbringen?

 

Bevor Ursula Hilpert-Mühlig ans Rednerpult tritt, blickt sie mit Werner Buchberger zurück auf die Höhepunkte ihrer inzwischen 18jährigen Vorstandsarbeit in Bayern: Besonders die staatliche Anerkennung der Josef Angerer Schule als Berufsfachschule für Naturheilweisen und die Aufnahme der Heilpraktikerschaft per Gesetz in den Landesgesundheitsrat sind für die Vizepräsidentin des Fachverbandes deutscher Heilpraktiker wichtige Errungenschaften ihrer Arbeit.

Gewohnt konzentriert und auch in diesem Jahr thematisch „auf den Punkt gebracht“ folgt das berufsständische Referat von Ursula Hilpert-Mühlig.

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen

2016 ist ein Jubiläumsjahr für viele Leistungen unseres Berufsverbandes. 80 Jahre Ausbildung, 70 Jahre berufsständische Vertretung und Dauereinsatz für den Erhalt der Naturheilkunde.

Naturgemäß fordern solche Ereignisse zu einem Rückblick auf, aber auch zu einer Standortbestimmung und zum Versuch einer Prospektive:  Woher kommst du? – Was bist du? – Wohin gehst du?

Ein kurzes Zurückschauen ist zunächst angebracht, gerade weil aktuell unglaubliche Geschichtsverfälschung betrieben wird. Da gibt es etwa unter Schulmedizinern Hardliner, die verbreiten, das Heilpraktikergesetz von 1939 diente als übelste juristische Nazi-Propaganda dazu, die Ausrottung und Vertreibung von jüdischen Ärzten und jüdischen Patienten einzuleiten.
Das ist mehr als dreist! Und es zeugt von peinlicher Unwissenheit.

Historisch belegt ist eigentlich, dass die Heilpraktiker, die Heilkundigen aus dem Volk, ausgerottet werden sollten – und mit ihnen auch ihr Gedankengut der Naturheilkunde.
Eine Staatsmedizin war vorgesehen, neben der keine Kurierfreiheit und damit keine Wahlfreiheit der Bürger (wie, von wem und womit sie behandelt werden möchten) zu existieren hatte.

Die zum Austrocknen des Berufsstandes geeigneten Methoden waren eine rigide Zulassungsbeschränkung  und ein totales Ausbildungsverbot. Nachlesbar im Original-Heilpraktikergesetz: § 2 „Wer die Heilkunde, ohne als Arzt bestallt zu sein, bisher berufsmäßig nicht ausgeübt hat, kann eine Erlaubnis in Zukunft nur in besonders begründeten Ausnahmefällen erhalten“ und §4 „Es ist verboten, Ausbildungsstätten für Personen, die sich der Ausübung der Heilkunde im Sinne dieses Gesetzes widmen wollen, einzurichten oder zu unterhalten.“

Historisch belegt ist auch, dass für diese Formulierungen in besonderem Maße der damalige Reichsärzteführer verantwortlich zeichnete, der die Naturheilkunde – bereinigt von jeglicher Individualbetrachtung – in die offizielle Medizin der Ärzte integrieren wollte.
Und sicher auch, um unliebsame Konkurrenz loszuwerden. Denn der Heilpraktiker wurde 1936 als freier Heilberuf anerkannt und es wurde ihm ein Standesrecht mit dem Privileg der eigenständig organisierten Aus- und Fortbildung in Aussicht gestellt.

In gutem Glauben an diese Zusage hat sich der Heilpraktikerbund Deutschlands (wie die damalige Berufsvereinigung hieß) unverzüglich um eine standesrechtlich geregelte Nachwuchsausbildung bemüht – deshalb  ist auch die Geburtsstunde unserer Heilpraktikerschule das Jahr 1936.
Nach Inkrafttreten des Heilpraktikergesetzes und seiner Durchführungsverordnungen mussten dann alle Ausbildungsstätten unverzüglich schließen. Vielerorts unterrichteten jedoch ehemalige Lehrer in ihren Praxen heimlich weiter und retteten damit naturheilkundliche Verfahren vor dem Aussterben.
Ihnen ist maßgeblich zu verdanken, dass es nach dem Untergang der Nazi-Diktatur noch ausgebildete Heilpraktiker gab.
Nach dem Krieg erklärte die demokratische Rechtsordnung der BRD das Zulassungs- und Ausbildungsverbot für verfassungswidrig und mit dem Grundrecht auf freie Berufsausübung nicht vereinbar. Damit wurde aus dem „Aussterbegesetz“ ein Zulassungsgesetz und die Grundlage unseres heutigen Berufsrechtes.
Und das war dann praktisch auch der Startschuss für die offizielle Wiederaufnahme der eigenverantwortlich organisierten, berufsständischen Heilpraktiker-Aus- und Fortbildung.

Wir dürfen zu Recht stolz sein auf unsere Altvorderen, die mit unermüdlichem Idealismus und mit großer Weitsicht die Basis unserer berufsständischen Ausbildung gelegt haben, die entscheidend dazu beigetragen haben, dass Naturheilkunde – die ja vorrangig auf Erfahrung beruht – lehrbar und lernbar ist. Und wir haben das konsequent weitergeführt, unsere Ausbildung standardisiert und nicht zuletzt damit (in Bayern) die offizielle Zulassung einer Berufsfachschule für Naturheilweisen erworben.

Ein gleich hohes Engagement gilt auch für die Gründer unseres Verbandes. Sie schufen 1946, also bald nach Kriegsende, mit Erlaubnis der damals zuständigen amerikanischen Militärregierung unseren Landesverband mit einer vorbildlichen demokratischen Ordnung des Berufsstandes. Neben dem mühsamen Aufbau einer neuen Standesvertretung war ihr vorrangiges Bestreben, das breite Spektrum der Natur- und Erfahrungsheilkunde der Heilpraktikerschaft wieder zugänglich zu machen. Der Wunsch, das fast schon verloren geglaubte Wissen wiederzubeleben, vor allem aber von der Erfahrung und den Fertigkeiten der noch wenigen alten Naturheilkundigen zu partizipieren, war in der Kollegenschaft so ausgeprägt, dass schon bald mehrtägige, zentrale Weiterbildungen angeboten wurden – aus denen dann die Tagungen für Naturheilkunde hervorgingen, deren 85. Jubiläum wir heute begehen. 

Meine sehr geehrten Damen und Herren
Es waren lange Jahre des (Wieder-)Aufbaus und der Konsolidierung unseres Berufes, der dabei mannigfaltigen Anfeindungen ausgesetzt war. Unsere naturheilkundlichen Verfahren wurden ob ihrer Nichtwissenschaftlichkeit bestenfalls belächelt, meist jedoch als Scharlatanerie abqualifiziert.

Und wo stehen wir heute? Welche Bedeutung hat der Heilpraktiker für unser Gesundheitssystem generell, für den einzelnen Bürger und damit für den Patienten?

Als freier und eigenverantwortlicher Heilberuf ist er in der unmittelbaren Patientenversorgung tätig. Er sieht in erster Linie seine Aufgabe darin, die individuellen, gesundheitlichen Bedürfnisse der Bürger (die trotz der offiziellen medizinischen Bedarfsdeckung des Gesundheitswesens an ihn herangetragen werden) weit möglichst zu befriedigen, das heißt Krankheiten zu erkennen und zu heilen bzw. Befund und Befinden zu bessern. Er versucht, den Patienten in seiner Ganzheit (als geistig-seelisch-körperliche Einheit) zu erfassen, und bei seiner Therapieauswahl die individuellen Ressourcen des Patienten zu dessen Selbstheilung anzuregen und zu stärken. Dabei bedient er sich weitgehend natürlicher Heilmittel.

Darüber hinaus erfüllen Heilpraktiker eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Sie bewahren die Methodenvielfalt im Gesundheitssystem, verhindern dadurch eine unserer demokratisch pluralistischen Gesellschaft unangemessene Monopolstellung der institutionalisierten Medizin. Sie bilden praktisch eine Regulativfunktion, indem durch ihr Angebot nicht nur die Therapiefreiheit sinnvoll gewahrt wird, sondern auch die Wahlfreiheit des Bürgers nach einem von ihm persönlich bevorzugten Therapeuten seines Vertrauens.
Nicht unerwähnt soll bleiben, dass Heilpraktiker das Gesundheitssystem auch finanziell enorm entlasten. Viele gesetzlich krankenversicherte Patienten suchen Hilfe beim Heilpraktiker, dessen Leistungen von ihnen selbst getragen werden.

Unser Berufsstand leistet darüber hinaus einen wichtigen Beitrag für die Volksgesundheit:
Denn Gesundbleiben ist neben dem Aspekt des Gesundwerdens das zentrale Thema der Naturheilkunde. Der Heilpraktiker ist kompetent in Fragen der Prävention. Grundsätzlich hält er seine Patienten zu einer gesunden Lebensweise an, im Sinne einer naturheilkundlichen Ordnungstherapie (5 Säulen der Naturheilkunde: Ernährung, Bewegung, Licht und Luft, rhythmische Lebensweise – die auch der Stressbewältigung dienen) und er macht damit auch bewusst, dass es für die eigene Gesundheit eine Selbstverantwortung gibt.

Weiterhin ist dem Heilpraktiker in Zeiten wissenschaftlichen Dogmatismus der Medizin die Aufgabe zugefallen, Bewahrer der Natur- und Erfahrungsheilkunde zu sein. Er hat die Pflege der Tradition dieser wichtigen Kulturgüter unseres Volkes übernommen und er hält sie in seinen Therapien lebendig. Inzwischen stuft ja auch die UNESCO Naturmedizin als „immaterielles Kulturerbe“ ein, das es zu schützen und zu erhalten gilt.
Es ist zweifelsohne das große Verdienst der Heilpraktiker, dass die Naturheilkunde trotz der Entstehung der wissenschaftlich akademischen Medizin durchgehend weiter praktiziert, weiterentwickelt und bewahrt wurde und wird, und damit im Spektrum der Medizin der Gegenwart als aktuelle naturheilkundliche Therapie zur Verfügung steht. Nicht zuletzt deshalb haben wir in unserem Land ein sehr komfortables Therapieangebot, das weit über die systemisch-medizinische Bedarfsdeckung hinausgeht.

Und das wird von den Menschen in unserem Land hoch geschätzt, dass sie Behandlungsstrategien auswählen können, die ihren persönlichen Bedürfnissen entsprechen.
Zudem wünscht sich die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung einen ungehinderten Zugang zu Naturheilmitteln und naturheilkundlichen Verfahren. Demoskopische Umfragen sprechen von nahezu 80%. Und in vielen Umfragen wird auch deutlich, dass vor allem Heilpraktiker als die Vertreter der Naturheilkunde angesehen und als kompetente Ansprechpartner für Naturheilweisen geschätzt werden.

Vom Status quo zum Quo vadis:
Wohin soll´s gehen? Bleibt´s wie es ist?
Wie sehen gesundheitspolitische Entscheidungsträger unseren Beruf? Wird er als Regulativ zur monopolisierenden Schulmedizin bestehen bleiben?

Mit diesen Fragen endet das Referat von Ursula Hilpert-Mühlig als Überleitung zu einer Podiumsdiskussion. Statt einzelner Grußworte der geladenen Vertreter der Landtagsfraktionen bittet der Moderator die Parlamentarier des Bayerischen Landtags gemeinsam auf die Bühne.  Und so finden sich neben der FDH-Vizepräsidentin der Zahnmediziner Prof. Dr. Peter Bauer, stv. Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler sowie die gesundheitspolitischen Sprecher der CSU, Bernhard Seidenath, der SPD, Kathrin Sonnenholzner und von Bündnis 90/Die Grünen, Ulli Leiner ein. Doch auch das Publikum soll miteinbezogen werden: „Ich habe zu meinem Anzug die schnellen Turnschuhe angezogen, so dass ich in jedem Moment bei Ihnen sein kann, wenn Sie mitdiskutieren oder nachfragen wollen “, fordert Werner Buchberger die Zuhörer im Saal zur Partizipation auf.

Die Sorge, dass erfolgreiche Therapien aus dem Repertoire der Heilpraktiker extrahiert werden und in der institutionalisierten Medizin zur Anwendung kommen ohne jedoch die Heilpraktiker bei dieser Wissenstransformation mit einzubeziehen, ist der erste Beitrag aus dem Publikum. Der einsetzende Applaus macht deutlich, dass wohl die meisten im Saal diese Bedenken teilen.

Dazu konstatiert Kathrin Sonnenholzner, dass ja das entscheidende Kriterium, ob ein Patient zum Heilpraktiker oder zum Arzt geht, der Faktor Zeit sei, der dem Behandler für den Patienten zur Verfügung stehe. Daher müsse sich der Heilpraktiker keine Sorgen machen, dass Patienten zu Ärzten abwandern würden, die ebenfalls Naturheilverfahren anbieten würden. Abgesehen davon solle man jetzt, da die Schulmedizin naturheilkundliche Praktiken übernehme, nicht sagen, dieses Vorgehen sei falsch – denn schließlich sei das jahrelang der Vorwurf an die Schulmedizin gewesen. Auch Bernhard Seidenath kann die Bedenken nicht nachvollziehen: „Es ist eine Wertschätzung und ein Kompliment für Sie alle, dass diese Dinge (ein modernes, ganzheitliches Menschenbild, bestehend aus Körper, Seele und Geist; Anm. d. Autors) jetzt auch von anderen übernommen werden.“ Es sei die Aufgabe der Politik, im Sinne der Menschen zu handeln und dazu gehöre auch das, was die Heilpraktiker seit über 70 Jahren vorleben und anwenden würden, für den Menschen in der Gesamtheit nutzbar zu machen. Einzig Ulli Leiner geht auf die konkreten Bedenken, auf die sich der Wortbeitrag bezog, ein: „Ich nehme als Beispiel verschiedene Verfahren, die jetzt von Ärzten angewandt werden und früher bei den Heilpraktikern angesiedelt waren. Die erfolgreichen Methoden werden übernommen und andere Dinge, die nicht ins System passen werden häufig abgelehnt. Und damit bleibt auch Ihr Beruf außen vor.“

Im weiteren Verlauf der Diskussion wird sichtbar, wie weit die unterschiedlichen Auffassungen darüber, was Ganzheitlichkeit meint, divergieren: Bernhard Seidenath führt als Beispiel die genorientierte Individualmedizin an. Die Medizin habe erkannt, so der CSU-Politiker, dass kleine Veränderungen gesamtsystemische Auswirkungen hätten. Kathrin Sonnenholzner hingegen zeigt sich wenig begeistert über diesen neuen Ansatz. Als Ärztin hält sie sowohl die prophezeiten Therapieerfolge für falsch, also auch die Unsummen, die auf die Krankenkassen durch so eine individualisierte Gentherapie zukommen werden - und schlussendlich kommen dann noch die datenschutzrechtlichen Probleme hinzu. Als Vertreterin der Heilpraktiker rückt Ursula Hilpert-Mühlig die Denkweise der Naturheilkunde zurück in den Mittelpunkt: „Unser Konstitutionsmodell ist der gesamte Mensch. Wir sehen was er mitbringt, welche Stärken ihm zueigen sind, wie seine Seele tickt.“ Diese Sichtweise sei eine komplett andere wie die der individualisierten Genmedizin, auch wenn diese durchaus ihre Daseinsberechtigung habe.

Grundsätzlich bleiben die Themen der Diskussion weiterhin eher auf der Metaebene: Kathrin Sonnenholzner sieht in der Gleichwertigkeit zwischen Schulmediziner und Heilpraktiker keine Probleme, wohl aber in der Gleichberechtigung. Erreicht werden könnte diese durch den gemeinsamen Zugang zur Gesundheitskarte als Verknüpfung der beiden Systeme. Diese ist jedoch für alle Beteiligten noch immer ferne Zukunftsmusik. Auch die weiteren Wortmeldungen aus dem Publikum bleiben im abstrakten Raum: Das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Medizin und Naturheilkunde, die Identität des Heilpraktikers an sich, das Gesundheitsbewusstsein der Bevölkerung. Lediglich ein Zuhörer bringt einen konkreten Missstand ins Gespräch: Die fehlenden Indikationen für homöopathische Arzneimittel und die nicht mehr vorhandenen Dosierungsangaben für Phytotherapeutika. „Da sind wir aber, wie wir hier sitzen, nicht die direkten Ansprechpartner“, lautet die Antwort von Kathrin Sonnenholzner, denn das seien Angelegenheiten des Bundes und nicht der jeweiligen Länder.

Prof. Dr. Peter Bauer ermutigt die Heilpraktiker am Ende der Diskussion, sich noch mehr berufspolitisch zu engagieren, um entsprechende Mehrheiten für politische Veränderungen mobilisieren zu können. Mit Hinblick auf die von etlichen Zuhörern angesprochene Gleichberechtigung mahnt er jedoch: „Bedenken Sie, wenn Sie in das gesetzliche Krankenwesen eintreten, welche Einschränkung und Bevormundung Sie dann haben, wie viele Freiheiten Sie dann verlieren. Ich habe 30 Jahre Erfahrung als Kassenarzt - und ich würde an Sie appellieren: Wählen Sie die Freiheit.“

Auch Ulli Leiner äußert sich abschließend noch einmal sehr deutlich: „Die Lobby der Ärzte auf die Politik ist nach wie vor immens.“ An die Heilpraktiker appelliert er eindringlich, hieran zu arbeiten: „Sie müssen gehört werden, wenn es um gesamtmedizinische Fragen und um die medizinische Versorgung geht und Sie brauchen eine einheitliche, ganz starke Stimme. Es muss weitere Maßnahmen geben, denn der Einfluss auf die Politik muss eindeutig stärker werden.“

So wird zum Abschluss der Diskussion eines deutlich: Wenn der Berufsstand der Heilpraktiker auf Dauer an Wertschätzung und Gleichberechtigung gewinnen möchte, müssen zuerst einmal gemeinsame Grundlagen innerhalb der Heilpraktikerschaft gelegt und bestehende Mauern niedergerissen werden. Es braucht eine einheitliche, starke Stimme, es braucht Selbstbewusstsein um auch zukünftig Bewahrer, Anwender und Förderer zu bleiben. Wer weiß, dann könnten Heilpraktiker das Gesundheitssystem tatsächlich auch ein Stück weit retten.

Daniel Brunner

 


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